Manche Politiker, beispielsweise Michel Reimon von den österreichischen Grünen, behaupten, transnationale Verträge wie CETA dienten nur dem „radikalen Wirtschaftsliberalismus“. Sie schreiben, „die Neoliberalen kämpfen mit Zähnen und Klauen um CETA“. Sie warnen davor, dass „die Neoliberalen ihre Politik dauerhaft einbetonieren können“. Andere Autoren, beispielsweise der deutche Sozialwissenschafter Ingar Solty, sprechen im Zusammenhang mit CETA von der „Diktatur des Kapitals“.

Das hat etwas Verschwörungstheoretisches.

Sehen uns wir einmal die Zusammensetzung des EU-Parlaments an:

Sozialdemokraten, Grüne und Kommunisten verfügen gemeinsam über 291 Sitze. Christdemokraten und gemäßigte Konservative nehmen 216 Sitze ein, Liberale 69; das macht zusammen 285. Die politisch linksgerichteten haben also die Mehrheit. (Rechtspopulisten und Rechtsradikale lassen wir hier unbeachtet. Aber die sind ja gemeinhin sowieso nicht als große Befürworter transnationaler Wirtschaftsabkommen bekannt.)

Von Neoliberalismus fehlt da jede Spur.

Da die EU seit Jahren an der Einführung von CETA arbeitet, lässt das nur zwei Schlüsse zu: 1.) Entweder die EU-Parlamentarier der Grünen, Sozialdemokraten und Kommunisten schaffen es nicht, die Interessen ihrer Wähler effizient zu vertreten, obwohl sie gegenüber den eher CETA-zugeneigten Gruppierungen in der Mehrheit sind. Das wäre ein Armutszeugnis und eigentlich ein Grund, sich einen anderen Job zu suchen. Oder
2.) Das mit dem Neoliberalismus ist ein Hirngespinst.

Wenn, wie Solty schreibt, transnationale Wirtschaftsabkommen wie CETA nur der „Diktatur des Kapitals“ dienten, dann muss man sich fragen: Wie kann es zu dieser Situation kommen, obwohl fast die Hälfte der EU-Parlamentarier linksgerichteten Fraktionen zuzurechnen sind? Sind die alle bestochen worden oder unfähig? Das wollen wir ihnen nicht unterstellen. Es müsste also irgendeine andere, geheime Macht geben, welche die „Diktatur des Kapitals“ entgegen der demokratisch zustandegekommenen Merheitsverhältnisse in der EU durchzusetzen in der Lage ist. Daher die Schlussfolgerung: Die „Diktatur des Kapitals“ ist eine Verschwörungstheorie.

Die Alternative dazu lautet: Globale Wirtschaftsabkommen dienen dazu, eine Welt, die ganz von selbst dazu tendiert, wirtschaftlich mehr und mehr zusammenwachsen, dementsprechend zu organisieren. Unbestritten: Das ist ein extrem komplexes Unterfangen. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir davor Angst haben sollten, oder – noch schlimmer – diese Angst in der Bevölkerung schüren dürfen.

Die Globalisierung ist kein Unterwerfungsmechanismus des bösen internationlen Kapitals. Sie ist ein unaufhaltsamer Vorgang, der daraus entsteht, dass die Menschheit sich gesellschaftlich und technisch weiterentwickelt. Sie hat in den vergangenen Jahrzehnten hunderttausende Menschen aus der Armut geholfen, beispielsweise in China und Indien. Sie hat dazu geführt, dass es heute insgesamt weniger Hunger und mehr Frieden auf der Welt gibt, als zuvor. Wir können und sollen sie nicht aufhalten, sondern wir müssen sie bestmöglich organisieren.

Zugegeben: Tendenziell wird die Globalisierung dazu führen, dass staatliche politische Organisationen gegenüber staatenübergreifenden an Gewicht verlieren. Das muss aber nicht unbedingt schlecht sein. Denn langfristig betrachtet geht es nicht um die Präferenzen einzelner Länder, sondern um ein Zusammenarbeiten aller Länder zum Wohle des gesamten Planeten. Das mag utopisch klingen. Aber vor ein paar hundert Jahren haben auch Städte gegeneinander Krieg geführt, die heute selbstverständlich friedlich koexistierende Teile eines Staates sind.

Die Welt wächst zusammen. Das können wir nicht verhindern – nur bestmöglich gestalten.

Die Ex-Vorstände des Skylink am Flughafen Schwechat wurde also alle freigesprochen. „Überraschend“, wie es aus Expertenkreisen heißt. Die Staatsanwaltschaft sieht keinen Grund, gegen Spitzenmanager gerichtlich vorzugehen, die eine Kostenüberschreitung von rund 400 Millionen Euro zu verantworten haben – die Kosten, die durch die um Jahre verspätete Eröffnung entstanden sind, noch gar nicht eingerechnet.

In den Gesamtkosten von rund 800 Millionen Euro sind auch „Konsulentenhonorare“ in der Höhe von 135 Millionen Euro enthalten. Darüber hinaus erhielt der Ex-Flughafenvorstand Christian Domany und Generalsekretär der WKO, von Februar bis September 2009 ein arbeitsloses Einkommen in der Höhe von 148.050 Euro.

Wir resümieren: Das Projekt verschlang 400 Millionen Euro zuviel, darunter 135 Millionen für „Konsulenten“. Wie der Rest der Kostenüberschreitung entstand, wurde noch nicht geklärt. Dazu kommen 148.050 für einen Ex-Vorstand zwischen dessen Ausscheiden und dem Ende seines Vertrages. Gegenleistung musste er dafür keine erbringen. Dieser Ex-Vorstand ist ein hoher Funktionär der ÖVP-dominierten WKO. Die anderen Ex-Manager haben enge Naheverhältnisse zum Land Niederösterreich bzw. zur Stadt Wien. Beide Gemeinden sind schwer verschuldet und verfügen über enorme Verwaltungsapparate, die entsprechende Kosten verschlingen. Die ÖVP hat seit der Telekom-Affäre reichlich Erfahrung mit dem Thema verdeckte Parteienfinanzierung.

Ein Schelm, wer dabei Böses denkt.

Neulich hat Armin Wolf NEOS-Chef Matthias Strolz ein wenig provokant gefragt, was dieser zu den vielen Fettnäpfchen sage, in die seine Bewegung in den letzten Monaten getreten sei. Richtig, Herr Wolf, Fett“näpfchen“ waren es, schlimmstenfalls. Diese nehmen sich durchaus vertretbar aus, verglichen mit den Fett-Trögen, in die unsere Regierung seit Jahrzehnten steigt bzw. sich mit erstaunlicher Konsequenz darin aufhält.

Beispielsweise ein Pensionssystem, das junge Generationen massiv benachteiligt sowie von Privilegien für Beamte sowie Angehörige der Regierung und staatsnaher Betriebe gekennzeichnet ist; und ein Sozialminister, der dieses System dennoch als zukunftssicher verteidigt, obwohl die Bundeszuschüsse Jahr für Jahr steigen müssen, damit es nicht zusammenkracht.

Der nächste Fett-Trog: ein Schulsystem, das gleichzeitig eines der teuersten und schlechtesten im EU-Raum ist; das durchsetzt ist von politischer Einflussnahme statt von Unabhängigkeit und Qualitätsstreben; und das dafür verantwortlich ist, dass 20 % der 15-Jährigen nicht sinnerfassend lesen können (PISA-Studie 2013). Gleichzeitig lässt sich kein nennenswerter Versuch seitens der Regierung erkennen, diesen Missstand zu ändern. Es dräut der Verdacht, man nähme die Unbildung des Volkes ganz gern in Kauf – ein Schelm, der hierbei Böses denkt.

Weiter geht es mit einer Wirtschaftspolitik, die es Unternehmen immer schwerer macht, sich zu entfalten, zu wachsen und Arbeitsplätze zu schaffen; die es jungen Unternehmen besonders schwer macht, erfolgreich zu starten, indem eine veraltete Gewerbeordnung und unnötige Bürokratie ihnen Hürden in den Weg stellen; was in weiterer Folge natürlich zu steigender Arbeitslosigkeit führt. Gleichzeitig aber wird jede Person, die unternehmerisch tätig sein will, dazu gezwungen, einer sogenannten Interessenvertretung anzugehören, deren Verdienste für die Vertretenen eher spärlich ausfallen; und die den Einsatz ihres Jahresbudgets von einer knappen Milliarde Euro, gespeist aus Zwangsbeiträgen, nicht transparentmacht.

Für die Hypo Alpe Adria reicht wohl der Begriff Fett-Trog nicht mehr, das ist wohl schon ein Fett-Meer. Erst notverstaatlicht man eine Bank, wobei die dafür nötige „Not“ von einigen Experten stark angezweifelt wird. Dann verzögert man jahrelang die geeigneten Maßnahmen, mit denen der Schaden für die Steuerzahler zu minimieren gewesen wäre; und schließlich erlässt der Finanzminister ein Schuldenschnitt-Gesetz, das wenige Monate danach von mehr oder weiger allen namhaften Banken und Versicherungen des Landes vor Gericht angefochten wird, weil es gegen die Verfassung verstoße.

Wer noch nicht genug hat, der denke an das hiesige System des Föderalismus, das dazu führt, dass neun Landesregierungen zu den selben Themen ihre eigenen Gesetze erlassen; während dessen machen neun Landeshauptleute die Mauer, sobald es darum geht, für mehr Effizienz, Sparsamkeit und Zweckmäßigkeit zu sorgen. Gleichzeitig steigt der Schuldenstand der Länder Jahr für Jahr auf neue Höhen – und damit per Finanzausgleich jener des Staates. NEOS zeigt wenigstens Wege auf, wie man Fett-Tröge des hier geschilderten Ausmaßes in Zukunft vermeiden könnte – da sind die paar Fettnäpfchen allemal verzeihlich.

Neulich las ich als Titelzeile auf der Umschlagseite eines Wochenmagazins: „Mein Kind, der Tyrann“. Wenn man sprachliches Gendern konsequent betreiben möchte, müsste die Zeile lauten: „Mein Kind, der/die TyrannIn“. Das Beispiel zeigt, dass das Gendern der Sprache unsinnig ist. Niemand stellt sich automatisch einen Buben vor, wenn der Satz so lautet, wie an erster Stelle zitiert. Die Behauptung, das weibliche Geschlecht werde dadurch „unsichtbar“ gemacht, ist ein Hirngespinst. Noch dazu, wo sich das Wort „Tyrann“ ja auf ein sächliches Subjekt bezieht, nämlich „mein Kind“. Das beweist, dass das grammatikalische Geschlecht nicht immer einen Hinweis auf das biologische Geschlecht gibt. „Der Tyrann“ ist männlich, „mein Kind“ ist sächlich – dennoch versteht man darunter natürlich sowohl männliche als auch weibliche Kinder. Es sind also alle grammatikalischen Geschlechter in einem Satz vereint, obwohl natürlich nur zwei biologische angesprochen sind.

Zweitens aber – und das ist der wichtigere Punkt: Gendern ist das falsche Mittel für das richtige Ziel.

Das eigentliche Ziel des Genderns von Schrift und Sprache ist ja, dem weiblichen Geschlecht volle Gleichberechtigung in der Gesellschaft zu verschaffen. Lassen wir einmal beiseite, dass dies auch die Forderung nach gleichen Pflichten bei Militär- bzw. Zivildienst, Pensionsantrittsalter etc. mit sich bringt. Das grundlegende Ziel ist unterstützenswert und richtig: Frauen als Mitglieder der Gesellschaft anzuerkennen, die den Männern zu 100 % ebenbürtig sind. Dieses Ziel aber durch Verballhornung der Sprache erreichen zu wollen, ist erstens grenzenlos naiv und zweitens kontraproduktiv. Es wird schlicht das falsche Instrument angewandt. Mit einer Beißzange kann ich hundert Mal auf einen Nagel eindreschen, ich werde dennoch nur ein mäßiges Ergebnis erzielen.

Gleichberechtigung der Frauen werden wir nur durch Erziehung zu Selbstbewusstsein sowie durch intelligente Investitionen ins Bildungssystem und in Kinderbetreuungseinrichtungen erreichen. Wir müssen erstens unsere Kinder so erziehen, dass Werte wie Akzeptanz und Toleranz gegenüber ihren Mitmenschen für sie selbstverständlich sind – egal welchen Geschlechts diese Mitmenschen sind, welcher Nationalität oder Religion sie angehören bzw. welche Hautfarbe sie haben. Zweitens müssen wir bei Mädchen von Kindheit an das Bewusstsein fördern, dass sie genauso stark, wichtig und wertvoll sind, wie ihre männlichen Kollegen. Drittens müssen wir den Frauen, die hauptberuflich aktiv sein wollen, den dafür nötigen Freiraum und die entsprechenden Entwicklungsmöglichkeiten verschaffen. Das sind die einzig sinnvollen Wege. An jedes Substantiv ein „In“ anzuhängen, ist nicht nur viel zu wenig, es ist auch methodisch erbärmlich oberflächlich. Vielen Politikern und Verwaltungsbeamten ist dieses Mittel freilich recht: Immerhin sorgt es für reichlich Beschäftigung und dient als Feigenblatt für die mangelhafte Inangriffnahme der wirklichen Herausforderungen.

Die Emotionalisierung des Themas Sprache durch die Gender-Anhänger trägt nicht gerade dazu bei, das oben beschriebene Ziel zu erreichen. Jede Person, die das Gendern als unwirksam bis kontraproduktiv kritisiert, wird als reaktionär, erzkonservativ und fortschrittsfeindlich eingestuft. Aus dieser Schublade wird sie dann nie wieder herausgelassen, egal welche Argumente sie vorzubringen versucht. Das zwanghafte und verbissene Festhalten an einem Instrument, das nicht zielführend ist, macht aber das Eintreten des gewünschten Erfolgs nicht wahrscheinlicher.

Diese Kritik richtet sich natürlich nicht an Formulierungen in persönlichen Gesprächen oder privaten Texten, die zusätzlich zur sprachlichen Logik betonen sollen, dass man beide Geschlechter anspricht. Sie richtet sich an das institutionalisierte und sanktionierte Gendern in Ministerien, Ämtern, Schulen sowie staatsnahen Organisationen.

Es gibt ein Prinzip, das positive Entwicklung fördert. Es lautet: Zusammenarbeit. Es gibt ein Prinzip, das positive Entwicklung hemmt. Es lautet: Angst. Zusammenarbeit erfordert Mut. Wo er fehlt, herrscht die Angst. Wo die Angst herrscht, ist es zur Isolation nicht weit – und die hat noch nie jemanden weitergebracht, es sei denn er wäre Eremit. Vor ein paar hundert Jahren haben Siena und Florenz noch gegeneinander Krieg geführt. Heute sind sie Teil einer Republik, die selbst Teil einer Staatengemeinschaft ist. Wo Zusammenarbeit und Partnerschaft auf vernünftige Weise betrieben werden, ist Prosperität das Ergebnis – alle Beteiligten profitieren. Die Zusammenarbeit innerhalb der EU hat den beteiligten Staaten und ihren Menschen gesamthaft betrachtet Vorteile gebracht.

Jede neue Entwicklung hat das Potenzial, bei manchen Beobachtern Angst zu erzeugen. Da reicht schon mal eine Jahrtausendwende. Aber es gibt auch viele andere Beispiele. In den Anfängen der Eisenbahn soll es Stimmen gegeben haben, die behaupteten, ein Zug könne niemals schneller als 40 km/h fahren, da die Passagiere sonst hirn- und lungenkrank werden würden.

Die Angst ist auch ein beliebtes politisches Instrument. Wo Angst herrscht, können Menschen leichter gesteuert werden. Angst vor einer Neuerung zu verbreiten, hat daher oft auch damit zu tun, Popularität erringen zu wollen. Wenn heute seitens mancher Politiker das geplante Freihandesabkommen zwischen den USA und der EU, TTIP, als einzige Bedrohung bezeichnet wird, so ist genaueres Hinsehen angebracht. Eines der Argumente gegen das Abkommen lautet: US-Konzerne würden nur darauf warten, die hohen europäischen Umweltstandards zu untergraben und EU-Märkte mit gesundheitsschädlichen Lebensmitteln zu überschwemmen. Das kann man so sehen. Aber es geht auch anders: 1.) Die USA haben in manchen Bereichen höhere Umweltstandards als die EU, z.B. Kalifornien hinsichtlich der Abgasnormen 2.) In einem ordentlich ausgehandelten Abkommen haben beide Partner die Möglichkeit, den jeweils anderen Markt zu erobern. Was, wenn hochwertig produzierte europäische Lebensmittel plötzlich der große Renner in den USA würden? Was, wenn wir Europäer mittels eines solchen Abkommens plötzlich die Möglichkeit hätten, die USA dort, wo es nötig ist, positiv zu verändern? Was, wenn wir den Mut und die Vision hätten, mit unseren hohen Umweltstandards auch außerhalb Europas die Welt ein bisschen besser zu machen, statt Angst davor zu haben, von den bösen Amis vergiftet zu werden?

Ja, TTIP birgt auch Gefahren – große Gefahren. Diesen Gefahren mutig zu begegnen und das Abkommen so zu gestalten, dass die beiden Kontinente insgesamt profitieren, das ist die große Herausforderung. Aber deswegen die ganze Idee von Anfang an verteufeln? Es gibt keine Entwicklung ohne Risiko. Klar kann man sich auch in seinen Schrebergarten zurückziehen und Dancing Stars anschauen, weil’s so schön komfortabel ist. Nur wird es einen nicht weiterbringen. Die USA sind nicht grundsätzlich schlecht. Sie haben uns viele großartige Entwicklungen gebracht, auch in ökologischer Hinsicht. Große Konzerne sind nicht grundsätzlich schlecht. Sie schaffen Arbeitsplätze und Wohlstand, sie entwickeln so manche Produkte, die vielen Menschen ein besseres Leben ermöglichen. Natürlich sind immer die entsprechenden Regulative zu schaffen, um schädliches Verhalten zu mächtiger Konzerne zu vermeiden – aber das ist ja irgendwie trivial.

Erich Fried hat gesagt: „Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt.“ TTIP kann man auch als Versuch sehen, die Welt zu verbessern – nämlich durch Partnerschaft. Warum sollte etwas, was innerhalb Europas funktioniert, nicht auch zwischen zwei Kontinenten und in weiterer Folge auf dem ganzen Planeten funktionieren?

Zum Thema Angst ein Lesetipp: Matthias Horx, „Die Industrie der Angst“

Die österreichische Bundesregierung versucht wieder einmal, mit einer sogenannten Sozialleistung zu punkten: die Gratis-Zahnspange kommt. Man muss nur wenig tiefer blicken, um zu erkennen, dass es mit dem Sozialen dieser Leistung nicht weit her ist. Dazu ist es sinnvoll, eine andere Schlagzeile der letzten Tage ins Auge zu fassen: Die Arbeitskosten sind bei uns in den letzten Jahren stärker gestiegen als in jedem anderen EU-Land, während die Realeinkommen stagniert haben. Fazit: Die Unternehmen zahlen immer mehr für den Faktor Arbeit, aber die Arbeitnehmer merken davon nichts – außer erhöhten Druck. Wo ist es dann hingeflossen, das zusätzliche Geld? Man braucht nicht lange zu suchen: Ineffiziente öffentliche Verwaltung, verschuldete Gebietskörperschaften, ein teures Gesundheitssystem und ein krachendes Pensionssystem fordern ihren Tribut – Einsparungspotenzial pro Jahr laut Experten: 15 Milliarden Euro. Da geht sich dann etwas mehr aus, als ein paar Zahnspangen.

Würde man die allseits bekannten Reformpotenziale endlich umsetzen, müsste man den überfrachteten Staatsapparat nicht mittels ständig steigender Lohnnebenkosten am Leben halten, und den Arbeitnehmern bliebe netto mehr übrig. Was sie damit machen würden, bliebe Ihnen überlassen, jedenfalls wäre dann die Zahnspange für den Junior oder die Junieuse locker drin. Weil aber die regierenden Parteien in einem Betonkorsett ihrer selbst geschaffenen Strukturen feststecken, das jede Reform im Keim erstickt, können sie auf die ausufernden Steuerbeiträge der Bürger nicht verzichten. Die populistische Aussage des Gesundheitsministers man dürfe „nicht am Gebiss erkennen, wo jemand herkommt“ ist der blanke Hohn. Die Regierung hat die letzten Jahre untätig zugesehen, wie den Menschen das Realeinkommen wegschmolz – das ist der wahre Grund dafür, wenn man jemandem am Gebiss, an der Kleidung oder an was immer ansieht, dass er oder sie sich nichts Besseres leisten kann.

Solange sich die Mehrheit in diesem Land also weiterhin mit sogenannten Gratisleistungen des Staates abspeisen lässt, anstatt draufzukommen, dess es kein gratis gibt im Leben; solange es den Menschen lieber ist, sich bevormunden zu lassen, anstatt eigenverantwortlich und verantwortungsbewusst ihr Leben so zu gestalten, wie es für sie und ihre Umwelt am besten ist; solange sich selbst Oppositionspolitiker in opportunistischer Manier dem Sozialschmäh anschließen, statt gegen die Verlogenheit aufzubegehren; solange werden wir weiter die Fußfessel eines steuerfressenden, ineffizienten Apparates tragen, der in abstoßender Weise Gerechtigkeit heuchelt, während er nur Selbstgerechtigkeit betreibt.

Aus gegebenem Anlass geht es diesmal um das Thema „Gendern“. Gleich vorweg: Ich halte die Behauptung, Deutsch diskriminiere die Frauen, für konstruiert. Ich halte den Stehsatz „Was nicht in der Sprache ist, ist nicht im Kopf“ in diesem Zusammenhang für kontraproduktiv und dazu geeignet, Angst zu erzeugen – Angst, Frauen würden sich diskriminieren  lassen, wenn sie nicht auf feministische Sprache pochten. Diese Angst halte ich für bedauerlich und gefährlich – bedauerlich deshalb, weil ich mir selbstbewusste Frauen in unserer Gesellschaft wünsche, die sich nicht von konstruierten Ängsten leiten lassen und über herbeigeredete Probleme grämen. Gefährlich deshalb, weil die Aufmerksamkeit, die dem Thema „feministische Linguistik“ gewidmet wird, verschwendet ist und bei anderen Themen fehlt, wo sie wichtiger wäre – abgesehen von den Ressourcen, die im deutschsprachigen Raum dafür aufgewendet werden. Darüber hinaus ist feministische Sprache nicht vernünftig konsequent anwendbar. Ihre konsequente Anwendung führt zu weitreichendem Verlust von Verständlichkeit und Sprachqualität – Beispiele dafür gibt es ohne Ende. Wer möchte wohl in Zukunft solche Satzmonster entschlüsseln müssen: „Es gibt keine Garantie dafür, dass der/die Empfänger/in einer Botschaft diese so versteht, wie der/die Sender/in sie gemeint hat.“

Grillparzer hätte sein Stück „Weh dem, der lügt“ natürlich auch „Weh dem/der, der/die lügt“ nennen können. Er hat es vermutlich eher aus Gründen der Verständlichkeit nicht gemacht – weniger aus dem Grund, weil er dabei nur an Männer gedacht hat und weil er die Frauen diskriminieren wollte. Man könnte auch jedes Mal, wenn man von Autofahrern und Autofahrerinnen spricht, zusätzlich alle Menschen mit Migrationshintergrund und alle mit besonderen körperlichen Bedürfnissen mit einbeziehen, um sie nicht zu diskriminieren. Aber man kommt mit all der Political Correctness irgendwann an einen Punkt, wo man zwar alle Mitglieder der Gesellschaft explizit nennt, aber keiner mehr versteht, was man sagen will. In einem weithin bekannten Buch heißt es: „Seht die Lilien auf dem Felde …!“. Sind damit nur Lilien gemeint? Oder ist es vielmehr so, dass das eine Metapher für alle Blumen ist? Man hätte natürlich auch schreiben können: „Seht die Lilien, die Tulpen, die Rosen, die Orchideen, die Gänseblümchen (…) und all die anderen Blumen auf dem Felde …!“. Aber es hätte nichts gebracht, außer Verwirrung. So ähnlich ist es auch mit der feministischen Sprache; hier ein paar weitere Gründe gegen deren Anwendung ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

1.) Sexus ist nicht gleich Genus. Zu Deutsch: biologisches Geschlecht ist nicht gleich grammatikalisches. Denn wenn dem so wäre, dann wäre jede Führungskraft, überhaupt jede Person weiblich und jeder Gast sowie jeder Mensch männlich. Ein Kind hingegen hätte kein Geschlecht.

2.) Die These, es entstünde ein männliches Bild im Kopf der Rezipienten, wenn man den geschlechtsneutralen Plural einsetzt (also z. B. „die Autofahrer“) ist nicht haltbar. Wenn ich den Satz höre: „An der Konferenz nahmen alle Führungskräfte des Unternehmens teil“ stelle ich mir ja auch nicht lauter Frauen vor, obwohl „Führungskraft“ grammatikalisch weiblich ist.

3.) Im Nominativ Plural werden männliche Mitglieder einer Gruppe durch den Artikel „die“ verweiblicht – das stört im Übrigen auch niemanden. Insofern ist z. B. die Mehrzahlbezeichnung „die Professoren“ seit jeher geschlechtsneutral. Daher muss man ja auch, wenn man nur den männlichen Teil dieser Gruppe beschreibt, dies extra anführen, indem man sagt „die männlichen Professoren“. Wenn ausschließlich von weiblichen Mitgliedern dieser Gruppe die Rede ist, gibt es zwei Möglichkeiten: „weibliche Professoren“ oder „Professorinnen“.

4.) Es ist nicht sinnvoll, zwei Wörtern dieselbe Bedeutung beizumessen, nur weil sie orthographisch gleich sind. „Autofahrer“ ist als Mehrzahlwort nicht ident mit „Autofahrer“ als männliches Singularwort, obwohl sie gleich geschrieben werden. Das ist so wie mit z. B. „Ball“ und „Birne“. Jeder Leser kann aus dem Zusammenhang heraus erkennen, wann das Spielzeug und wann die Tanzveranstaltung bzw. wann die Frucht und wann der Leuchtkörper gemeint sind. Genauso ist es eben auch mit „Autofahrer“.

Literaturempfehlung: „Genug gegendert“ von Tomas Kubelik