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Archiv für den Monat März 2014

Die österreichische Bundesregierung versucht wieder einmal, mit einer sogenannten Sozialleistung zu punkten: die Gratis-Zahnspange kommt. Man muss nur wenig tiefer blicken, um zu erkennen, dass es mit dem Sozialen dieser Leistung nicht weit her ist. Dazu ist es sinnvoll, eine andere Schlagzeile der letzten Tage ins Auge zu fassen: Die Arbeitskosten sind bei uns in den letzten Jahren stärker gestiegen als in jedem anderen EU-Land, während die Realeinkommen stagniert haben. Fazit: Die Unternehmen zahlen immer mehr für den Faktor Arbeit, aber die Arbeitnehmer merken davon nichts – außer erhöhten Druck. Wo ist es dann hingeflossen, das zusätzliche Geld? Man braucht nicht lange zu suchen: Ineffiziente öffentliche Verwaltung, verschuldete Gebietskörperschaften, ein teures Gesundheitssystem und ein krachendes Pensionssystem fordern ihren Tribut – Einsparungspotenzial pro Jahr laut Experten: 15 Milliarden Euro. Da geht sich dann etwas mehr aus, als ein paar Zahnspangen.

Würde man die allseits bekannten Reformpotenziale endlich umsetzen, müsste man den überfrachteten Staatsapparat nicht mittels ständig steigender Lohnnebenkosten am Leben halten, und den Arbeitnehmern bliebe netto mehr übrig. Was sie damit machen würden, bliebe Ihnen überlassen, jedenfalls wäre dann die Zahnspange für den Junior oder die Junieuse locker drin. Weil aber die regierenden Parteien in einem Betonkorsett ihrer selbst geschaffenen Strukturen feststecken, das jede Reform im Keim erstickt, können sie auf die ausufernden Steuerbeiträge der Bürger nicht verzichten. Die populistische Aussage des Gesundheitsministers man dürfe „nicht am Gebiss erkennen, wo jemand herkommt“ ist der blanke Hohn. Die Regierung hat die letzten Jahre untätig zugesehen, wie den Menschen das Realeinkommen wegschmolz – das ist der wahre Grund dafür, wenn man jemandem am Gebiss, an der Kleidung oder an was immer ansieht, dass er oder sie sich nichts Besseres leisten kann.

Solange sich die Mehrheit in diesem Land also weiterhin mit sogenannten Gratisleistungen des Staates abspeisen lässt, anstatt draufzukommen, dess es kein gratis gibt im Leben; solange es den Menschen lieber ist, sich bevormunden zu lassen, anstatt eigenverantwortlich und verantwortungsbewusst ihr Leben so zu gestalten, wie es für sie und ihre Umwelt am besten ist; solange sich selbst Oppositionspolitiker in opportunistischer Manier dem Sozialschmäh anschließen, statt gegen die Verlogenheit aufzubegehren; solange werden wir weiter die Fußfessel eines steuerfressenden, ineffizienten Apparates tragen, der in abstoßender Weise Gerechtigkeit heuchelt, während er nur Selbstgerechtigkeit betreibt.

Aus gegebenem Anlass geht es diesmal um das Thema „Gendern“. Gleich vorweg: Ich halte die Behauptung, Deutsch diskriminiere die Frauen, für konstruiert. Ich halte den Stehsatz „Was nicht in der Sprache ist, ist nicht im Kopf“ in diesem Zusammenhang für kontraproduktiv und dazu geeignet, Angst zu erzeugen – Angst, Frauen würden sich diskriminieren  lassen, wenn sie nicht auf feministische Sprache pochten. Diese Angst halte ich für bedauerlich und gefährlich – bedauerlich deshalb, weil ich mir selbstbewusste Frauen in unserer Gesellschaft wünsche, die sich nicht von konstruierten Ängsten leiten lassen und über herbeigeredete Probleme grämen. Gefährlich deshalb, weil die Aufmerksamkeit, die dem Thema „feministische Linguistik“ gewidmet wird, verschwendet ist und bei anderen Themen fehlt, wo sie wichtiger wäre – abgesehen von den Ressourcen, die im deutschsprachigen Raum dafür aufgewendet werden. Darüber hinaus ist feministische Sprache nicht vernünftig konsequent anwendbar. Ihre konsequente Anwendung führt zu weitreichendem Verlust von Verständlichkeit und Sprachqualität – Beispiele dafür gibt es ohne Ende. Wer möchte wohl in Zukunft solche Satzmonster entschlüsseln müssen: „Es gibt keine Garantie dafür, dass der/die Empfänger/in einer Botschaft diese so versteht, wie der/die Sender/in sie gemeint hat.“

Grillparzer hätte sein Stück „Weh dem, der lügt“ natürlich auch „Weh dem/der, der/die lügt“ nennen können. Er hat es vermutlich eher aus Gründen der Verständlichkeit nicht gemacht – weniger aus dem Grund, weil er dabei nur an Männer gedacht hat und weil er die Frauen diskriminieren wollte. Man könnte auch jedes Mal, wenn man von Autofahrern und Autofahrerinnen spricht, zusätzlich alle Menschen mit Migrationshintergrund und alle mit besonderen körperlichen Bedürfnissen mit einbeziehen, um sie nicht zu diskriminieren. Aber man kommt mit all der Political Correctness irgendwann an einen Punkt, wo man zwar alle Mitglieder der Gesellschaft explizit nennt, aber keiner mehr versteht, was man sagen will. In einem weithin bekannten Buch heißt es: „Seht die Lilien auf dem Felde …!“. Sind damit nur Lilien gemeint? Oder ist es vielmehr so, dass das eine Metapher für alle Blumen ist? Man hätte natürlich auch schreiben können: „Seht die Lilien, die Tulpen, die Rosen, die Orchideen, die Gänseblümchen (…) und all die anderen Blumen auf dem Felde …!“. Aber es hätte nichts gebracht, außer Verwirrung. So ähnlich ist es auch mit der feministischen Sprache; hier ein paar weitere Gründe gegen deren Anwendung ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

1.) Sexus ist nicht gleich Genus. Zu Deutsch: biologisches Geschlecht ist nicht gleich grammatikalisches. Denn wenn dem so wäre, dann wäre jede Führungskraft, überhaupt jede Person weiblich und jeder Gast sowie jeder Mensch männlich. Ein Kind hingegen hätte kein Geschlecht.

2.) Die These, es entstünde ein männliches Bild im Kopf der Rezipienten, wenn man den geschlechtsneutralen Plural einsetzt (also z. B. „die Autofahrer“) ist nicht haltbar. Wenn ich den Satz höre: „An der Konferenz nahmen alle Führungskräfte des Unternehmens teil“ stelle ich mir ja auch nicht lauter Frauen vor, obwohl „Führungskraft“ grammatikalisch weiblich ist.

3.) Im Nominativ Plural werden männliche Mitglieder einer Gruppe durch den Artikel „die“ verweiblicht – das stört im Übrigen auch niemanden. Insofern ist z. B. die Mehrzahlbezeichnung „die Professoren“ seit jeher geschlechtsneutral. Daher muss man ja auch, wenn man nur den männlichen Teil dieser Gruppe beschreibt, dies extra anführen, indem man sagt „die männlichen Professoren“. Wenn ausschließlich von weiblichen Mitgliedern dieser Gruppe die Rede ist, gibt es zwei Möglichkeiten: „weibliche Professoren“ oder „Professorinnen“.

4.) Es ist nicht sinnvoll, zwei Wörtern dieselbe Bedeutung beizumessen, nur weil sie orthographisch gleich sind. „Autofahrer“ ist als Mehrzahlwort nicht ident mit „Autofahrer“ als männliches Singularwort, obwohl sie gleich geschrieben werden. Das ist so wie mit z. B. „Ball“ und „Birne“. Jeder Leser kann aus dem Zusammenhang heraus erkennen, wann das Spielzeug und wann die Tanzveranstaltung bzw. wann die Frucht und wann der Leuchtkörper gemeint sind. Genauso ist es eben auch mit „Autofahrer“.

Literaturempfehlung: „Genug gegendert“ von Tomas Kubelik