Deutsch diskriminiert die Frauen nicht.

Aus gegebenem Anlass geht es diesmal um das Thema „Gendern“. Gleich vorweg: Ich halte die Behauptung, Deutsch diskriminiere die Frauen, für konstruiert. Ich halte den Stehsatz „Was nicht in der Sprache ist, ist nicht im Kopf“ in diesem Zusammenhang für kontraproduktiv und dazu geeignet, Angst zu erzeugen – Angst, Frauen würden sich diskriminieren  lassen, wenn sie nicht auf feministische Sprache pochten. Diese Angst halte ich für bedauerlich und gefährlich – bedauerlich deshalb, weil ich mir selbstbewusste Frauen in unserer Gesellschaft wünsche, die sich nicht von konstruierten Ängsten leiten lassen und über herbeigeredete Probleme grämen. Gefährlich deshalb, weil die Aufmerksamkeit, die dem Thema „feministische Linguistik“ gewidmet wird, verschwendet ist und bei anderen Themen fehlt, wo sie wichtiger wäre – abgesehen von den Ressourcen, die im deutschsprachigen Raum dafür aufgewendet werden. Darüber hinaus ist feministische Sprache nicht vernünftig konsequent anwendbar. Ihre konsequente Anwendung führt zu weitreichendem Verlust von Verständlichkeit und Sprachqualität – Beispiele dafür gibt es ohne Ende. Wer möchte wohl in Zukunft solche Satzmonster entschlüsseln müssen: „Es gibt keine Garantie dafür, dass der/die Empfänger/in einer Botschaft diese so versteht, wie der/die Sender/in sie gemeint hat.“

Grillparzer hätte sein Stück „Weh dem, der lügt“ natürlich auch „Weh dem/der, der/die lügt“ nennen können. Er hat es vermutlich eher aus Gründen der Verständlichkeit nicht gemacht – weniger aus dem Grund, weil er dabei nur an Männer gedacht hat und weil er die Frauen diskriminieren wollte. Man könnte auch jedes Mal, wenn man von Autofahrern und Autofahrerinnen spricht, zusätzlich alle Menschen mit Migrationshintergrund und alle mit besonderen körperlichen Bedürfnissen mit einbeziehen, um sie nicht zu diskriminieren. Aber man kommt mit all der Political Correctness irgendwann an einen Punkt, wo man zwar alle Mitglieder der Gesellschaft explizit nennt, aber keiner mehr versteht, was man sagen will. In einem weithin bekannten Buch heißt es: „Seht die Lilien auf dem Felde …!“. Sind damit nur Lilien gemeint? Oder ist es vielmehr so, dass das eine Metapher für alle Blumen ist? Man hätte natürlich auch schreiben können: „Seht die Lilien, die Tulpen, die Rosen, die Orchideen, die Gänseblümchen (…) und all die anderen Blumen auf dem Felde …!“. Aber es hätte nichts gebracht, außer Verwirrung. So ähnlich ist es auch mit der feministischen Sprache; hier ein paar weitere Gründe gegen deren Anwendung ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

1.) Sexus ist nicht gleich Genus. Zu Deutsch: biologisches Geschlecht ist nicht gleich grammatikalisches. Denn wenn dem so wäre, dann wäre jede Führungskraft, überhaupt jede Person weiblich und jeder Gast sowie jeder Mensch männlich. Ein Kind hingegen hätte kein Geschlecht.

2.) Die These, es entstünde ein männliches Bild im Kopf der Rezipienten, wenn man den geschlechtsneutralen Plural einsetzt (also z. B. „die Autofahrer“) ist nicht haltbar. Wenn ich den Satz höre: „An der Konferenz nahmen alle Führungskräfte des Unternehmens teil“ stelle ich mir ja auch nicht lauter Frauen vor, obwohl „Führungskraft“ grammatikalisch weiblich ist.

3.) Im Nominativ Plural werden männliche Mitglieder einer Gruppe durch den Artikel „die“ verweiblicht – das stört im Übrigen auch niemanden. Insofern ist z. B. die Mehrzahlbezeichnung „die Professoren“ seit jeher geschlechtsneutral. Daher muss man ja auch, wenn man nur den männlichen Teil dieser Gruppe beschreibt, dies extra anführen, indem man sagt „die männlichen Professoren“. Wenn ausschließlich von weiblichen Mitgliedern dieser Gruppe die Rede ist, gibt es zwei Möglichkeiten: „weibliche Professoren“ oder „Professorinnen“.

4.) Es ist nicht sinnvoll, zwei Wörtern dieselbe Bedeutung beizumessen, nur weil sie orthographisch gleich sind. „Autofahrer“ ist als Mehrzahlwort nicht ident mit „Autofahrer“ als männliches Singularwort, obwohl sie gleich geschrieben werden. Das ist so wie mit z. B. „Ball“ und „Birne“. Jeder Leser kann aus dem Zusammenhang heraus erkennen, wann das Spielzeug und wann die Tanzveranstaltung bzw. wann die Frucht und wann der Leuchtkörper gemeint sind. Genauso ist es eben auch mit „Autofahrer“.

Literaturempfehlung: „Genug gegendert“ von Tomas Kubelik

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