Gendern: das falsche Mittel für das richtige Ziel

Neulich las ich als Titelzeile auf der Umschlagseite eines Wochenmagazins: „Mein Kind, der Tyrann“. Wenn man sprachliches Gendern konsequent betreiben möchte, müsste die Zeile lauten: „Mein Kind, der/die TyrannIn“. Das Beispiel zeigt, dass das Gendern der Sprache unsinnig ist. Niemand stellt sich automatisch einen Buben vor, wenn der Satz so lautet, wie an erster Stelle zitiert. Die Behauptung, das weibliche Geschlecht werde dadurch „unsichtbar“ gemacht, ist ein Hirngespinst. Noch dazu, wo sich das Wort „Tyrann“ ja auf ein sächliches Subjekt bezieht, nämlich „mein Kind“. Das beweist, dass das grammatikalische Geschlecht nicht immer einen Hinweis auf das biologische Geschlecht gibt. „Der Tyrann“ ist männlich, „mein Kind“ ist sächlich – dennoch versteht man darunter natürlich sowohl männliche als auch weibliche Kinder. Es sind also alle grammatikalischen Geschlechter in einem Satz vereint, obwohl natürlich nur zwei biologische angesprochen sind.

Zweitens aber – und das ist der wichtigere Punkt: Gendern ist das falsche Mittel für das richtige Ziel.

Das eigentliche Ziel des Genderns von Schrift und Sprache ist ja, dem weiblichen Geschlecht volle Gleichberechtigung in der Gesellschaft zu verschaffen. Lassen wir einmal beiseite, dass dies auch die Forderung nach gleichen Pflichten bei Militär- bzw. Zivildienst, Pensionsantrittsalter etc. mit sich bringt. Das grundlegende Ziel ist unterstützenswert und richtig: Frauen als Mitglieder der Gesellschaft anzuerkennen, die den Männern zu 100 % ebenbürtig sind. Dieses Ziel aber durch Verballhornung der Sprache erreichen zu wollen, ist erstens grenzenlos naiv und zweitens kontraproduktiv. Es wird schlicht das falsche Instrument angewandt. Mit einer Beißzange kann ich hundert Mal auf einen Nagel eindreschen, ich werde dennoch nur ein mäßiges Ergebnis erzielen.

Gleichberechtigung der Frauen werden wir nur durch Erziehung zu Selbstbewusstsein sowie durch intelligente Investitionen ins Bildungssystem und in Kinderbetreuungseinrichtungen erreichen. Wir müssen erstens unsere Kinder so erziehen, dass Werte wie Akzeptanz und Toleranz gegenüber ihren Mitmenschen für sie selbstverständlich sind – egal welchen Geschlechts diese Mitmenschen sind, welcher Nationalität oder Religion sie angehören bzw. welche Hautfarbe sie haben. Zweitens müssen wir bei Mädchen von Kindheit an das Bewusstsein fördern, dass sie genauso stark, wichtig und wertvoll sind, wie ihre männlichen Kollegen. Drittens müssen wir den Frauen, die hauptberuflich aktiv sein wollen, den dafür nötigen Freiraum und die entsprechenden Entwicklungsmöglichkeiten verschaffen. Das sind die einzig sinnvollen Wege. An jedes Substantiv ein „In“ anzuhängen, ist nicht nur viel zu wenig, es ist auch methodisch erbärmlich oberflächlich. Vielen Politikern und Verwaltungsbeamten ist dieses Mittel freilich recht: Immerhin sorgt es für reichlich Beschäftigung und dient als Feigenblatt für die mangelhafte Inangriffnahme der wirklichen Herausforderungen.

Die Emotionalisierung des Themas Sprache durch die Gender-Anhänger trägt nicht gerade dazu bei, das oben beschriebene Ziel zu erreichen. Jede Person, die das Gendern als unwirksam bis kontraproduktiv kritisiert, wird als reaktionär, erzkonservativ und fortschrittsfeindlich eingestuft. Aus dieser Schublade wird sie dann nie wieder herausgelassen, egal welche Argumente sie vorzubringen versucht. Das zwanghafte und verbissene Festhalten an einem Instrument, das nicht zielführend ist, macht aber das Eintreten des gewünschten Erfolgs nicht wahrscheinlicher.

Diese Kritik richtet sich natürlich nicht an Formulierungen in persönlichen Gesprächen oder privaten Texten, die zusätzlich zur sprachlichen Logik betonen sollen, dass man beide Geschlechter anspricht. Sie richtet sich an das institutionalisierte und sanktionierte Gendern in Ministerien, Ämtern, Schulen sowie staatsnahen Organisationen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: